"Kein schöner Land" von Felix Mitterer

11. Aug. 2000

Mit „Kein schöner Land“ wartet ein wortgewaltiges Zeitdokument über Eigennutz, Feigheit, Opportunismus und politische Verblendung im Nationalsozialismus, aufgehängt am Einzelschicksal und den Leiden und Drangsalen des Tiroler Juden Rudolf Gomperz.

Regie: Markus Plattner

Regieassistenz: Verena Schopper

Hospitanz: Melanie Hollaus


Schauspieler:

Herbert Wernard (Stefan Adler, Viehhändler)

Susanne Kiechl (Maria, seine Frau)

Walter Lanschützer (Hans, beider Sohn)

Eveline Hütter (Anna, Tochter)

Tamara Plant (Annas Tochter)

Horst Unterlechner (Rudolf Holzknecht)

Johanna Kob (Olga, seine Frau)

Christian Schusterschitz (Erich, beider Sohn)

Rudolf Prantl (Sepp Hopfgartner, Ortsgruppenleiter)

Michel Heil (Toni, sein Sohn)

Adolf Klieber (Franz Gruber, Pfarrer)

Marlene Permoser (Rosa, seine Schwester und Häuserin)

Georg Kramer (Gendarmeriepostenkommandant)

Klaus Flöck (1. Kripobeamter)

Roland Krammer (2. Kripobeamter)

Christian Steinlechner (1. Heimwehrmann)

Alexander Hosp (2. Heimwehrmann)

Mario Jäger (1. Hitlerjunge)

Rene Permoser (2. Hitlerjunge)

Andreas Vylet (SS-Arzt)

Jürgen Leitner (SS-Mann)

Manuel Trackner (SS-Mann)


Statisten: Tanja Kramer, Melike Batmaz, Bianca Letzner, Magdalena Gürtler, Astrid Zobl, Maria Magdalena Mayr, Yasmin Wieser, Pia Kastron, Daniela Plunser, Barbara Aschenwald, Agnes Weitzhofer, Barbara Pfister, Katharina Eberl, Tina Huber, Birgit Schwaiger, Maria Winkler, Daniela Kasenbacher, Nina Trackner, Karina Wurm, Hanna Eller, Vicky Pircher, Eva Graf, Ester Meischleuger, Gerhard Schwarz, Daniel Luchner, Helmut Oberlechner, Johann Oberlechner, Sylvia Pegritz, Beate Steurer, Birgitt Jäger, Melanie Omenitsch, Margit Oberlechner, Monika Schrott, Rosa Bilek, Andreas Weber, Michael A. Barandum, Benjamin Treichl, Sebastian Treichl, Markus Lettenbichler, Max Chietini, Christian Lechner, Martin Steurer, Lukas Fiegl, Stefan Unterlechner, Mario Faserl, Thomas Schopper, Marko Gabelsberger, Matthias Hütter, Florian Springer, Alexander Lieb, Günther Haberz, Kerim Bousbis, Martin Kleinheinz, Markus Luchner


Maske/Kostüme: Klaus Flöck und Sandra Klausner

Technik: Michael Weis

Produktionsteam: Gernot Kaltenhauser, Herbert Wernard, Matthias Hussl, Julia Moll


 

Das Leben und Leiden des Stefan Adler


Wortgewaltig und schonungslos


„Kein schöner Land“ soll die finstere Zeit der Tiroler Geschichte hautnah spürbar machen.


Schläge, Schüsse, Aggressionen, unfassbares Leid – die bildhafte Umsetzung von „Kein schöner Land“ lässt spüren, was es hieß, einen Judenstern zu tragen.


„Heil Hitler!“ schallt es von der Spielarena durch die Fußgängerzone. Mitten in der Schwazer Innenstadt marschieren die Nazihorden auf. Flammen zügeln ein Hakenkreuz in den Kirchpark. Reichsfahnen hängen aus den Häusern in der herrlichen Naturkulisse, die erstmals als Spielort für eine Kulturveranstaltung Verwendung findet.

SS-Beamte schockieren mit Brutalität und Gewalt. Schläge, Schüsse, Aggressionen und unfassbares Leid stimmen betroffen, lösen Emotionen aus und machen betroffen.

Der Schwazer Regisseur Markus Plattner geht mit „Kein schöner Land“ einen schonungslosen Weg und setzt in der Inszenierung auf Naturalismus pur. „Wir übertreiben nicht, wollen aber den Schrecken des Dritten reiches spürbar machen, ohne dabei besserwisserisch den Zeigfinger zu heben.“



 

Der Hintergrund


Mit „Kein schöner Land“ wartet ein wortgewaltiges Zeitdokument über Eigennutz, Feigheit, Opportunismus und politische Verblendung im Nationalsozialismus, aufgehängt am Einzelschicksal und den Leiden und Drangsalen des Tiroler Juden Rudolf Gomperz. Der St. Antoner war jüdischer Abstammung, geboren 1878 in Wien und liebte die Berge über alles und kam 1905 nach St. Anton, um dort sein Malaria-Leiden auszukurieren. Der Ort gefiel ihm, und er wirkte am Aufbau des Fremdenverkehrs mit. Er heiratete eine – arische – Frau aus Bayern, die Söhne Hans und Rudolf wuchsen in den 30er-Jahren auf und entwickelten sich zu begeisterten Nazis. 1938, nach dem Anschluss, wurde Gomperz aller Ämter enthoben und so behandelt, wie man Juden eben damals behandelte. Fast alle Bewohner von St. Anton wandten sich nun von Gomperz ab. Um die Söhne zu retten, gab Frau Gomperz an, sie seien einem ehebrecherischen Verhältnis entsprungen. Das wurde nach einigen Querelen akzeptiert, die Söhne durften fanatische Nazis bleiben. Hans fiel als Soldat der deutschen Wehrmacht. Rudolf trat in die SS ein und erschoss sich nach dem Krieg. Rudolf Gomperz musste am 20. Jänner 1942 St. Anton verlassen und nach Wien reisen. Es war der Tag der Wannseekonferenz in Berlin, wo die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Gomperz verschwand in ein Konzentrationslager im Osten und tauchte nie mehr auf.



 

Ensemble mit Herzblut


Idealismus und der Ehrgeiz zweier Vereine machte aus „Kein schöner Land“ ein Großprojekt


21 Hauptdarsteller betreten rund ein halbes Jahr lang drei- bis viermal pro Woche unentgeltlich die Probebühne. Darüber hinaus wird hinter den Kulissen geschleppt, gehämmert, gebaut, gemalt, geschraubt, organisiert und telefoniert.

Mit den Schwazer Freilichtspielen stehen rund 40 Theatermacher völlig unentgeltlich für eine Idee ein, die für sie die Welt bedeutet. Die Produktion vereinigt Schauspielerinitiativen der ganzen Region. Die Darsteller kommen aus allen Teilen Tirols. Die 60 Statisten, die in Massenszenen in HJ- und Sträflingsuniformen aufmarschieren, wurden in Schwazer Schulen gewonnen.



 

Es wird nie aufhören!


Gedanken des Regisseurs Markus Plattner


Stefan Adler: „I bin da auf die Welt kommen – i bin do aufgwochsen – i hob g´arbeitet mein Leben lang. I bin in den Krieg zogn für dieses Land, i bin a Tiroler, verstesch du des du Scheissnazi!“

Noch nie war es so schwer zwei Seiten zu sehen und deshalb wird es auch nie aufhören!


 

Theater als Botschaft


Felix Mitterers „Kein Schöner Land“ macht Schwaz zur Theaterstadt


Viel Überzeugung war nötig, aber nun ist es geschafft: Der Kirchpark wird Schauplatz der größten Theaterproduktion, die Schwaz je sah.


Für alle Beteiligten, die seit einem Jahr Woche für Woche, Tag für Tag auf die Premiere am 12. August hinarbeiten, sind die Schwazer Freilichtspiele und Felix Mitterers „Kein schöner Land“ mehr als ein Theaterprojekt: Das brisante Thema „Nationalsozialismus“ bewegt, schockiert, löst Emotionen aus und führt zu Diskussionen in der ganzen Stadt. Als Beitrag gegen eine Haltung voller Vorurteile, wie es sie immer noch gibt, wollen wir den schrecklichen Hauch der Geschichte spürbar machen und den Schrecken des Nationalsozialismus zeigen.

Ihnen als Zuschauer wünschen wir ein unvergessliches Theatererlebnis bei den Schwazer Freilichtspielen und den Mut zum aktiven Hinschauen. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was passiert ist, aber dafür verantwortlich, dass es nicht mehr passiert.


Das Produktionsteam



 

Überrascht, angetan


Vorwort Felix Mitterer


Ich muss mir sehr oft Inszenierungen meiner Stücke anschauen, die Betonung liegt auf „muss“. Denn ich schaue mir lieber andere als meine eigenen Stücke an. Ich kenne sie zur genüge, auch die Schwachstellen an ihnen. Darum hatte ich auch keine allzu große Lust, mir letzten Sommer „Stigma“ in Schwaz anzusehen.


Was ich aber an diesem regnerischen Abend sah, war ohne Übertreibung etwas vom Ungewöhnlichsten, das ich je am Theater erleben durfte. Ich sah die Vision eines jungen, begabten Regisseurs, ganz aus dem Bauch heraus inszeniert, mit einer außergewöhnlichen Bildsprache und Intensität gespielt, die einem das Herz umdrehte. Sehr versessen aufs historische Detail überzeugte die Aufführung durch Kraft und Echtheit und stellte eine ganz eigenartige, traumhafte Atmosphäre her.

So warte ich nun gespannt auf „Kein schöner Land“ – das etwa hundert Jahre später spielt und vom Schrecken der Nazizeit berichtet, vom Schrecklichen, das wir nie aufhören, uns gegenseitig anzutun. Wieder eine Passion wie „Stigma“, diesmal die Passion eines Tiroler Juden.

Und ich freue mich, dass Markus Plattner seine ersten großen Erfolge als Regisseur in seiner Heimatstadt feiern darf, denn es ist immer gut, wenn Begabungen frühzeitig erkannt werden, wenn der Prophet im eigenen Lande etwas gilt.