THEATER IM LENDBRÄUKELLER
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KUNST STIGMA FELIX MITTERER
FREILICHTSPIELE
06. AUGUST 2010

ZUM STÜCK

Moid, eine Dienstmagd auf einem Bauernhof steht zwischen drei Männern, dem Großknecht Bast, dem Bauernsohn Ruepp und dem Gottessohn Jesus Christus. Gegen das aufdringliche Werben der beiden ersten wehrt sie sich standhaft bis sie eines Tages die Wundmale Christi empfängt und als Braut des Herrn Wunder an Kranken wirkt und gegen soziale Ungerechtigkeit predigt. Ruepp erscheint eines Nachts mit Teufelsmaske, schlägt Moid bewusstlos und vergewaltigt sie. Die Magd gerät nun in die Mühlen von Wissenschaft, Kirche und Gesetz. Moid, die sich keiner Schuld bewusst ist, glaubt einen Albtraum gehabt zu haben und wird von einem Professor der Medizin, der das Wunder wissenschaftlich untersuchen soll, des Betrugs bezichtigt, als er eine Schwangerschaft feststellt. Der ebenfalls anwesende Monsignore führt einen Exorzismus durch. Die ausgetriebenen Dämonen fahren jedoch in ihn über, stellen seine Verfehlungen bloß, geben den Namen des Vergewaltigers preis und provozieren Mord und Selbstmord.

Die Passion der Magd endet, als sie nach der Geburt ihres Kindes von der Exekutive als Aufhetzerin gegen Obrigkeit und Kirche inhaftiert werden soll. Sie wirft sich schützend vor das abgefeuerte Gewehr eines Gendarmen, der auf den Kleinknecht zielt als dieser ihre Flucht ermöglichen wollte.

1982 lehnte die Stadt Hall – damals die zweite Spielzeit der „Tiroler Volksschauspiele“ – das Stück als „Ansammlung von Schweinerein und Religionsverhöhnung“ ab und war nicht mehr bereit, die Spiele zu veranstalten, falls „Stigma“ auf dem Spielplan bliebe.

In dieser Situation bot sich Telfs als Veranstaltungsort an. Bis heute finden die Schauspiele in Telfs statt. Eine Vorveröffentlichung von „Stigma“ führte zu landesweiten Empörungsbekundungen, es regnete Protestbriefe, Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen und sogar Bombendrohungen gegen den Telfer Bürgermeister. Über 70 Zeitungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten Kritiker. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb der Skandal bei der von der Polizei geschützten Uraufführung aus.
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1999 begegnete ich Markus Plattner zum ersten Mal, auf einer Wiese am Rande von Schwaz, im strömenden Regen. „Stigma“ war das, und ich kam mit keinen großen Erwartungen. Aber an diesem Abend durfte ich den Aufbruch eines großen Talents miterleben. Ich fühlte mich in einen Breitwand-Film versetzt, in ein großes Epos in Technicolor. Was da Markus Plattner mit seinen Amateurdarstellern auf die Freilichtbühne brachte, war leidenschaftlich, gewalttätig, suggestiv und hochpoetisch. Da inszenierte einer vollkommen aus dem Bauch heraus, mit ganz eigenen, noch nie gesehenen Bildwelten. Zugegeben, manche Szenen uferten aus, die Aufführung war viel zu lang, trotzdem blieb sie mir (und wohl jedem Zuseher) bis heute im Gedächtnis. Seither hat Markus Plattner – kaum zu glauben – an die 50 Stücke inszeniert, von Shakespeare bis Slawomir Mrozek, von Nestroy bis Yasmina Reza, von Moliere bis Kroetz, von Anton Cechov bis Dario Fo. Und natürlich auch Karl Schönherr, Franz Kranewitter und acht Stücke von mir. Ein unglaubliches Pensum, bei dem der Theaterbesessene sich im Laufe der Jahre zusätzlich zu seiner natürlichen Begabung ein großes professionelles Können aneignete, vor allem Timing und Präzision. Und nun also, 11 Jahre später – „Stigma“, die Zweite, wieder in Schwaz, und an einem ganz ungewöhnlichen Schauplatz. Ich erwarte mir eine hochkonzentrierte, dichte und aufregende Inszenierung. So gespannt war ich schon lange nicht.

Felix Mitterer

Als ich vor zehn Jahren dieses Stück zum ersten Mal zwischen die Finger bekommen habe, kam ich mit etwas in Berührung, das mich bis zum heutigen Tag nicht losgelassen hat. Da steckt hinter all dem was uns erzählt wird, von einer Magd, die stigmatisiert das Leiden Christi am eigenen Leib erlebt und eine Welt ertragen muss, die in sich geschlossen ist und all die zu Stigmatisierten macht, die außerhalb stehen, eine Magie. Felix Mitterer hat, als er dieses Stück schrieb, etwas zwischen seine Zeilen gesetzt, das sich nur schwer erklären lässt. Man kann es erspüren und es ist für gutes Theater wichtig, wie das tägliche Brot: Mitgefühl. Von Anfang an packt es zu, greift einen, nimmt einen mit und lässt erst am Ende oder darüber hinaus wieder los. Mit dieser Grundlage, einem Ensemble, das sich aus jahrelangen Freunden zusammensetzt, einem Produktionsteam, das an dieser Aufgabe gewachsen ist und nicht zuletzt dem selbstkritischen Blick auf sich gerichtet, wünsche ich uns einen Abend, der intensiv, fordernd, innig und mitreißend ist. Ich will mich bei allen bedanken, die mit mir dieses Spiel möglich gemacht haben.

Markus Plattner

„Stigma“ von Felix Mitterer hat bei der Uraufführung im Rahmen der Tiroler Volksschauspiele im Jahr 1982 für großen Aufruhr gesorgt. Themen wie Religiosität, Teufelsglaube, kirchliche und politische Macht in einem Theaterstück aufzugreifen, war zum damaligen Zeitpunkt ein mutiger Schritt von Felix Mitterer. Auch wenn die Dämonen heute anderswo sind, so hat das Stück dennoch nichts an seiner Aktualität verloren. Es ist jedenfalls eine Herausforderung für ein kritisches Publikum und regt zum Nachdenken an. Mit der Aufführung von „Stigma“ begann vor genau zehn Jahren die Erfolgsgeschichte des Theaters im Lendbräukeller. Aus Anlass des 10-jährigen Bestandsjubiläums hat sich Markus Plattner dazu entschlossen, dieses Stück wieder zur Aufführung zu bringen. Ich bin überzeugt, dass es Markus Plattner erneut gelingen wird, das Stück in mitreißender Weise zu inszenieren und das Publikumzu fesseln. Als Kulturlandesrätin bin ich stolz, dass es in unserem Land junge, talentierte Regisseure gibt, die sich auch an kontroversielle Themen heranwagen und dafür sorgen, dass die Tiroler Theaterszene so lebendig und vielfältig ist. Ich wünsche dem Regisseur Markus Plattner und allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne alles Gute für die kommenden spannende Inszenierung!

LR Dr. Beate Palfrader
Landesrätin für Bildung und Kultur

Die harmloseste Form eines Stigmas bezeichnet im Tierreich eine der Öffnungen des Tracheensystems, durch die die Atemluft eintritt.Die meisten anderen Bedeutungen betreffen seelische und soziale Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen zufügen, ein Wesenszug, der uns von den Tieren unterscheidet. Wenn das Stück von Felix Mitterer dies aufzeigt, werden Wunden aufgerissen, brutal der Eiterherd ans Licht gezerrt. Und wenn der theaterbesessene Regisseur und Schauspieler Markus Plattner das Stück mitten im Wald inszeniert, wird diese gesellschaftliche Grausamkeit umso deutlicher, dichter, insistenter, fokussiert auf das dramatische Geschehen in der Skena, umgeben von idyllischer Natur. Ein besonderer Theaterabend zwischen dunklen Fichten. Ein besonderer Abend für Schwaz!

GR Martin Schwarz

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ZUR AUFFÜHRUNG

REGIE Markus Plattner DARSTELLER  
REGIEASSISTENZ Michele Jost Moid, Dirn Anja Pölzl
HOSPINTANZ Patrik Ranigler Bast, Großknecht Manfred Prötz
KOSTÜMBILD Silvia Fritz Seppele, Kleinknecht Michel Heil
BÜHNENBILD Christian Greiderer Ruepp, Sohn der Bauersleute
Rene Permoser
MASKE Petra Pirchner
  Bettina Mantiger Bauer Johannes F. Heiß
  Birgit Permoser Bäuerin Margit Peer
LICHTDESIGN Ralf Wappler Pfarrer Günther Ettel
TONDESIGN Mike Moll Monsignore Rolf Parton
TECHNIK Michael Schiffmann Professor der Medizin Herwig Warasin
  Roland Dietrich Alte Dirn Gertraud Lamprecht
PRESSEARBEIT Susanne Schartner Schreiber Martin Saurwein
FOTOS Kurt Schartner Polizist Markus Plattner
GRAFIK www.baumann-agentur.at    
PRODUKTIONSTEAM Markus Plattner    
  Michael Winderl    
  Ferdinand Angerer    
  Susanne Schartner    
 
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